Der Armut ins Gesicht gesehen

Seit nunmehr 25 Jahren organisiert Fritz Körber als Vorsitzender der AWO-Behringersdorf-Schwaig Hilfstransporte nach Charkiw in die Ukraine

Bezirksrat a.D.  Fritz Körber und Vorsitzender der AWO-Behringersdorf-Schwaig berichtet von einer Reise mit Freunden nach Charkiw - Fünf Tage auf eigene Kosten in der Ukraine hinterließen tiefe Eindrücke – Leben am Existenzminimum - Armut, Elend – und kein Ende abzusehen.

 

Eintauchen in den ukrainischen Alltag

Es ist ein trüber Montagnachmittag, als das Flugzeug mit meinen Begleitern Dr. Hannes Zapf und Robert Knitt am Charkiwer Flughafen aufsetzt. Beide unterstützen seit Jahren unsere Aktion „Hilfe für Charkiw“ und reisen erstmals mit in die Ukraine. Der Wind, der in schneidender Kälte direkt aus Sibirien zu kommen scheint, treibt tanzende Schneeflocken über den halbfertigen Flugplatz. Schnell steigen wir in den bereitstehenden Bus der uns zum Flughafengebäude bringt. Dort haben die Stadtväter im Überschwang der Freude über die Fußball-Europameisterschaft 2012 eine moderne Flughafenhalle erstellt. Die Abfertigung durch den Zoll ist gegenüber früher erfreulicherweise beinahe nur Formsache.

 

Roland Seitz, Edgar Völkel und Heidi Ullmann, die bereits einige Tage früher nach Charkiw reisten, erwarten uns bereits. Auch unsere beiden Dolmetscher Ivan und Yvonne sind zum Empfang gekommen. Auf der Fahrt ins Hotel weihe ich Iwan in meine Pläne ein. Im klapprigen Bus führt uns der Weg über den Gagarin-Prospekt durch kilometerlange Wüsten sozialistischer Architektur, vorbei an frisch getünchten Häuserfronten, über schlechte Straßen bedeckt mit Streusand und durchzogen mit freiliegenden, scharfkantigen Trambahnschienen. „Bitte schön, da habt ihr unser Charkiw“, sagt Iwan mit leichtem Kopfnicken in Richtung der bröckelnden Wohnsilos und flucht bei jedem Schlagloch, das unser Fahrer übersieht. Lenin steht noch immer ziemlich alleine auf dem großen Platz vor der Universität und lautstark wirbt ein übergroßer Bildschirm an einer Hausfront für Luxusgüter aus der westlichen Welt. Ein mickriger Coca-Cola-Stand leistet beiden Gesellschaft. In Charkiw und der Ukraine ist diese merkwürdige kommunistisch-kapitalistische Allianz öfter anzutreffen.

 

Kurzer Aufenthalt im Hotel. Es ist vier Uhr nachmittags und wir gehen zu Fuß ins Nürnberger Haus, zu unserem ersten Termin mit Jugendlichen, die dort die deutsche Sprache erlernen. Diskret halten sich die jungen Leute zurück, sprechen meist leise und nur zögerlich kommt es zu einer offenen Diskussion. „Unsere Zukunft“, schwärmt Ina, „liegt in der Weltoffenheit – ich möchte einmal nach Deutschland reisen“. Deutschland – doch der Weg dorthin mag manchem in dieser Runde noch etwas weit erscheinen. Doch die Zeit drängt. Ich habe zum Abendessen eingeladen und alle sind gekommen. Das gemeinsame „Sastolje“ ist in der Ukraine mehr als eine Tafelrunde; das ist gewachsene Lebensweise, eine Philosophie des Zusammenhalts und des gemeinsamen Erzählens. „Sastolje“ ist  Ausdruck für Geselligkeit, gutes Essen und herzerwärmende Trinksprüche mit Wodka. Auf Kommando hin wird das Glas an die Lippen gehoben und zügig heruntergekippt. Wir Deutsche können in der Regel da nicht mithalten und werden mitleidig belächelt.

 

Hilfen für Menschen in bitterer Not

Der nächsten Morgen beginnt mit einer Art „Audienz“ im Hotel. Wie im Lauffeuer hat es sich herumgesprochen, der Fritz und seine Freunde sind wieder da. Einer gibt dem anderen die Klinke in die Hand. Awdüschew Schamiljewitsch bittet um Hilfe für den Kauf von Medikamenten. Alle vier Familienmitglieder sind an Tbc erkrankt. Er legt eine Art Loseblatt-Sammlung an Dokumenten vor. Ist die Scheu einmal weg, dann sprudelt es nur so. Natürlich sind wir im selben Moment auch Opfer und hören zur: „Es gibt nichts Demütigenderes als betteln zu müssen. Es ist eine Tragödie“ übersetzt mir Yvonne meine Dolmetscherin. Auch Frau Babajna, eine Mutter mit acht Kindern ist gekommen. „Bitte helfen sie mir und meinen Kindern. Uns geht es schlecht. Wir leben nicht, wir existieren nur. Keiner hilft uns, keiner fühlt sich für uns zuständig“. Wir geben einen Geldbetrag und viele Fragen und Antworten hat Yvonne zu übersetzen.

 

Zwischenzeitlich ist Iwan gekommen. Wir fahren zum Treffen mit der stellv. Oberbürgermeisterin Swetlana Gorbunowa-Ruban, Direktorin für Gesundheitswesen und soziale Fragen der Stadt. Zu unserer Überraschung stellen wir fest, dass uns bereits das ukrainische Fernsehen und einige Redakteure der Charkiwer Tagespresse erwarten. In einem kurzen Rückblick erinnert die Politikerin an die gute nun schon 20-jährige Zusammenarbeit mit der AWO-Behringersdorf-Schwaig. Sie berichtet über bereits durchgeführte Maßnahmen in den verschiedenen Einrichtungen der Stadt, bittet uns aber gleichzeitig um weitere Krankenbetten und Hilfsgüter. Aber auch die Laufer Naturfreunde kommen zu Wort. Roland Seitz und Edgar Völkel erinnern an die seit Jahren durchgeführten Ferienmaßnahmen für Charkiwer Kinder am Naturfreundehaus in Hormersdorf. Wir tauschen uns aus und geben im Anschluss den wartenden Journalisten ein Interview. Mit kleinen Erinnerungsgeschenken verlassen wir das Rathaus.

 

Die Zeit drängt. Abfahrt ins Kulturhaus der Miliz im Wohnbezirk Kyiwsky. Wir fahren zur Verteilung der finanziellen Hilfen an 150 bedürftige Familien. Sehsüchtig werden wir erwartet.  30 Euro enthält jedes Kuvert – eine halbe Monatsrente. Meine Begleiter verteilen nach Aufruf das Geld. Dankbar mit Tränen in den Augen nehmen sie unser Geschenk entgegen. Kaum hat jeder sein Kuvert, schart sich eine ständig wachsende Gruppe von Frauen und Männern um uns. Sie machen aus ihrem Unmut keinen Hehl: „Keine Arbeit, kein Geld, keine Aussicht auf ein Leben“. Ein unrasierter Mann erzählt aus seinem Leben: „Er arbeite den ganzen Tag, aber mehr als umgerechnet drei Euro bringe er nicht nach Hause“. Er hat zwei Kinder, ist Invalide und schafft es kaum, Geld für das tägliche Brot zu verdienen. Die anderen nicken. Plötzlich umarmt mich eine junge Frau. Tränen fließen. „Bitte helfen sie mir und meinem Kind“, übersetzt mir Iwan. Ich sage unsere Hilfe zu und bitte sie am nächsten Morgen ins Hotel zu kommen. In Charkiw wird diese soziale Kluft immer ausgeprägter, sagt Irina Tschernajewa, nebenbei. Auch ich erkenne keine Anzeichen dafür, dass sich die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung  entscheidend bessern würde; die Schar der Bedürftigen scheint im Gegenteil von Jahr zu Jahr noch zu wachsen.

 

Zeit zum Nachdenken bleibt nicht

Mit Verspätung kommen wir ins Sozialzentrum des Moskowskij Wohnbezirks. Nachdem im vergangenen Jahr aus finanziellen Gründen die Stadt die Armenküche schließen musste, hatten wir beschlossen, Essenspakete an die Ärmsten zu verteilen. Über 350 in Not geratene Bürger kamen in den Genuss. Wir sagen auch hier unsere Unterstützung zu und mit dem Geld der „Stiftung Helfende Herzen“ kann an den Ostertagen eine erneute Aktion gestartet werden. Ein alter Herr erzählt mir von strengen Zeiten und bittet mich beim Hinausgehen um weitere Unterstützung. Wir werden zum Mittagessen eingeladen. Unser Willkommenheißen, die Freude über die Begegnung und das erneute Gelingen des Projekts „Essenspakete“ gibt reichlich Anlässe das Glas zu erheben. Irina Mironenko, die Leiterin der Einrichtung spricht nicht deutsch. Herzlich werden wir verabschiedet. Ihre Geste ist leicht zu verstehen. Für mich ist diese Einrichtung ein Markt der Armen. Die Wohnblöcke in der Nachbarschaft sind im Zustand des Verfalls. Lieblos haben die Bauherren des Sozialismus sie dort hingeklotzt. Jetzt strafen sie die Stadt mit Bildern einer Untergangsstimmung.

 

Der Spätnachmittag bringt uns zu Valja Burduluk und ihren Sohn Bogdan ins Blindenheim. Schwer liegt auch hier der unaufhaltsame Verfall des Hauses auf der Familie und lähmt jede Aktivität. Es schmerzt diese Not zu sehen. Ich gebe Valja einen Geldbetrag für dort wo am Nötigsten. Diese schreckliche Armut, dieser Dreck, diese Hoffnungslosigkeit bedrückt und in mich gekehrt nehme ich Abschied. Eigentlich wäre entsprechend unseres Programms Freizeit angesagt. Doch Sergej Schadrin, erster Tenor aus der Oper, hat uns ins Konservatorium zu einem Konzert eingeladen. Dieses kulturelle Kontrastprogramm schafft zumindest etwas Ablenkung von den drastischen Eindrücken des Tages. Doch schon während der Pause verspüre ich fürchterlichen Hunger und bin dankbar, als wir uns gegen 21 Uhr in einem Selbstbedienungs-Restaurant mit Freunden zum Abendessen treffen. Müde und völlig ausgepowert komme ich erst spät ins Hotel zurück.

 

Wie lange noch halte ich das aus

Der nächste Tag beginnt wie alle Tage zuvor. Es ist kurz vor acht Uhr. Ich habe noch nicht gefrühstückt und schon sitzt der erste vor der Türe. Durch den Fernsehbeitrag in der „Charkiwer Abendschau“ hat es sich herumgesprochen, der Fritz ist wieder da. Auch die junge Frau vom Vortag ist mit ihrem Kind erschienen. Beim Anblick des Kindes ist es schwer die richtigen Worte zu finden. Das neun Monate alte Baby hat einen Tumor am Kopf und muss dringend operiert werden. Auch hier spüren wir die verzweifelte Hoffnung auf fremde Helfer. Ihre Bitte bleibt nicht ungehört, auch hier werden wir helfen. Mein Geld wird immer weniger. Nach einstündiger Beratung ist jeder Besucher mit seinem Anliegen zu Wort gekommen.

 

Für 9.30 Uhr ist ein Treffen im klinischen Bezirkskrankenhaus „Schnelle Hilfe“ mit Chefarzt Dr. Fedak vereinbart. Nach kurzer Vorstellung unserer kleinen Delegation werden wir über mehrere Etagen durchs Haus geführt. Mit Stolz zeigt man uns die neuen und modernen Operationsräume des über Eintausend-Bettenhauses und vergisst nicht, uns erneut um weitere Krankenbetten und medizinische Hilfsmittel zu bitten. Anschließender Besuch im städtischen Hospiz und Besichtigung der Abteilung für diabetische Osteoarthropathie. Mit Freude stellen wir fest, dass die gelieferten Betten und Hilfsgüter unseres letzten Konvois hier Platz gefunden haben und gute Dienste leisten. Unser nächstes Ziel ist die ambulante Kinderabteilung der Gebiets-TBC-Kinderklinik. Dr. Mankowski erwartet uns bereits. Wieder einmal sind wir in Zeitnot. Wir geben eine Spende für dringende Reparaturen an medizinischen Geräten und werden zu Tisch gebeten. Lebhaft wird über Gott und die Welt diskutiert; Toast um Toast wird ausgesprochen und auch an den im Jahre 2011 allzu früh verstorbenen Freund und Gönner Joe Mac Donald aus Glasgow gedacht.

 

Aufschlussreich ist der Termin bei der Behindertenorganisation „Spodivannja“ und ihrer Vorsitzenden. Aufgeregt erzählt die ältere Dame von ihren Schwierigkeiten, von der mangelnden Unterstützung seitens der Behörden, von ihrem Glauben, in den sie tief verwurzelt ist. Keine Anzeichen von Resignation oder fehlendem Lebenswillen spiegelt sich in ihren Worten wider, stattdessen ungebrochene Hoffnung für ihre 95 an den Rollstuhl gebundenen Mitglieder. Als wir darum bitten, ein Foto von ihr machen zu dürfen, verlangt sie zuvor nach einem Kamm; in ihrer schweren Situation hat sie eines niemals verloren: ihre Würde. Nach kurzer Beratung übergeben wir eine größere Geldspende und fühlen, dass uns diese Frau in ihrer schier ausweglosen Situation ein eindrucksvolles Beispiel an Mut und positiver Lebenseinstellung sein sollte. „Das ukrainische Leben ist für mich irrational. Das ist kein Urteilsspruch. Das Leben hier hat einfach eine andere Qualität als bei uns“. Über all das denke ich nach auf der Rückfahrt ins Hotel.

 

Doch der Tag ist noch nicht vorbei. Wir sind bei Familie Savenchuk am Stadtrand zum Abendessen eingeladen. Die Anfahrt für den Taxifahrer ist mehr als beschwerlich. Vor längerer Zeit hatte man offensichtlich eine Straße bauen wollen. Auf dem Weg waren Betonhaufen aufgeschüttet worden. Fertiggebaut wurde diese Straße nie. Und die achtlos liegengelassenen Betonhaufen bilden jetzt einen Hindernisparcours, auf dem man wie über Hügel fahren muss“. Doch die überwältigende Gastfreundschaft in dem kleinen Haus übertrifft alles.

 

Der nächste Tag beginnt wie alle anderen. Schon vor acht Uhr kommen die ersten Bittsteller ins Hotel. Es ist eine Tragödie die kein Ende nimmt und ich stelle mir die Frage: „Wie lange noch reicht mein Geld“? Nach einem kurzen Frühstück Abfahrt ins Zentrum „Promin“, eine Einrichtung für geistig behinderte Kinder. Von der Aufgabenstellung vergleichbar mit unserer Lebenshilfe. Die Stadt sorgt hier lediglich für das marode Gebäude. Die sonstige Finanzierung muss durch die Organisation selbst aufgebracht werden. Auch hier übergeben wir einen Geldbetrag der AWO. Schon während der Besichtung der Einrichtung ist „Lonia“ mit seinem klapprigen Ford-Transit vorgefahren, der uns nach Rakitnoje bringen soll. Auf der Fahrt dorthin, kurzer Besuch in der Schule der kleinen Landgemeinde Kommerowka. Auch hier werden wir um Unterstützung gebeten.

 

Ein Leben wie aus einer anderen Zeit

Rakitnoje – unsere Anfahrt erfolgt über die „Sowjetskaja“, die Hauptstraße des Ortes. Ein Gotteshaus, zwei zugenagelte Ruinen, ein schäbiger Laden, ein blauer Container der als Kiosk dient, das Schulhaus und ein Kriegerdenkmal umrahmen den Dorfplatz. Wieder einmal kommen wir über eine Stunde zu spät. Trotzdem werden wir in der Schule freudig erwartet. Der Bürgermeister, die Rektorin und die Kinder der Schule empfangen uns unter dem Klang der deutschen und ukrainischen Nationalhymnen. Ich übergebe einen Spendenbetrag der Grundschule Neunkirchen am Sand und nach Vorträgen der Kinder, den üblichen Reden und dem Austausch der Geschenke geht es ins so genannte „Dorfcafe“ zum offiziellen Empfang. Laut geht es zu, Tischreden werden gehalten und mit Wodka stoßen unsere Gastgeber immer wieder auf „na druschbo“ auf die Freundschaft an. Im Anschluss kurzer Besuch und Kaffeetrinken bei Konstantin Gorban dem früheren Bürgermeister und Luba Prima die ehemalige Rektorin. Erinnerungen werden ausgetauscht. Beim Abschiednehmen bleibe ich stehen, bin überwältigt von dem, was ich sehe. Nichts, absolut nichts Außergewöhnliches. Nur Dreck, nur eine hoffnungslos dreckige Welt. Es ist einfach zum Heulen. Auf der Rückfahrt nach Charkiw über den neuen Autobahnring ins Stadtzentrum nehme ich mit einer gewissen Verwunderung all die neuen Bauten zur Kenntnis. Vor allem dann, wenn ich sie mit den Bildern und Erinnerungen früherer Jahre vergleiche und die mir nicht aus dem Kopf gehen wollen.

 

 

Dicht an dicht im Zwiegespräch mit Gott

Wir haben eine Stunde Freizeit und besuchen die orthodoxe Messe im Pokrowsky-Kloster. Stehend und staunend erleben Dr. Hannes Zapf, Robert Knitt und ich die Inbrunst, mit der hier gewirtschaftet wird. Kreuze küssen, Kreuze auflegen, Kreuzzeichen machen, unaufhörlich sich verbeugen und Sünden leiern, dicke Bücher aufschlagen und zuschlagen, sie vorlesen und vorsingen, die baldige Ankunft des Herrn zusagen und immer beten und bitten: um Erbarmen, um Erlösung, ein ewiges Leben, für alle, für jeden und über allen und allem: für den Metropoliten, den allerheiligsten Patriarchen. Kopekenkerzen knistern und überall Ikonen, irdische Himmelsfenster, aus denen dunkel die Heiligen blicken. Herr, erbarme dich, flehen die Stimmen des kleinen Chores. Über all das Gesehene denke ich beim Hinausgehen nach.

 

Gegen 20.00 Uhr haben Robert Knitt und Dr. Hannes Zapf im Selbstbedienungs-Restaurant zu einem Treffen mit Jugendlichen aus dem Nürnberger Haus geladen. Beide sind in ihrem Element, denn viele habe ihre Einladung angenommen. Ukrainische, englische und deutsche Wortfetzen bestimmen die Diskussion und Adressen werden ausgetauscht.

 

Es ist ein ganz normaler Morgen. Die Koffer sind gepackt und unser erster Termin ist bei Sascha Chmeljow, dem Apotheker, der bei einem Unglück beide Beine verlor und der über Spenden der AWO in Deutschland hochwertige Prothesen erhielt. Noch heute finden er und seine Familie kaum Worte für ihre Dankbarkeit. Bei stürmischem Wind und Regenschauern besuchen wir im Anschluss die kleine Behinderteneinrichtung „Bíatron“. Mit viel Geschick und großem Engagement wird hier gestickt und kunstgewerblich gearbeitet. Auch hier geben wir eine Spende für dort wo am Nötigsten. Jeder von uns erhält ein Geschenk und nur mit Mühe können wir uns loseisen.

 

Iwan unser Dolmetscher gibt das Tempo vor. Begeisterter Empfang unter Livemusik in der Armenküche „Skripka“ Durch die alljährliche Spende der „Stiftung Helfende Herzen“ stellt die AWO-Behringersdorf-Schwaig für alte, kranke und minderbemittelte Bürger der Stadt Charkiw täglich kostenlos ein Mittagessen zur Verfügung. Einige Besucher kenne ich bereits die in der Schlange stehen. Auch kenne ich den Geruch der Armut der aus ihren Mänteln kriecht. Zahlreiche Dankesworte und Wünsche nehmen wir entgegen, bezahlen 2000 Euro für das kommende Quartal und werden zum Mittagessen eingeladen. Nach den üblichen Tischreden brechen wir zum Flugplatz auf.

 

Der Abschied ist kurz und wenige Minuten später sitzen wir im Flugzeug. Unser Aufbruch in Schwaig liegt nur fünf Tage zurück. Dazwischen liegt ein Bilderbogen, gewebt aus Erinnerungen, aus Eindrücken, Gedankensplittern und Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen. Und ich stelle mir die Frage: Liegt nicht eine ungute „Aura“ von Aggressivität, Erschöpfung und Verzweiflung über dieser Stadt? Sind doch fast gleichzeitig auf den Straßen Bettler mit aufgehaltener Hand  und teuere Westautos zu sehen. Diese Autos gehören einer neuen Klasse von Bankern und Besitzern von Privatunternehmen. Mit der Eröffnung neuer Hotels und überteuerten privaten Restaurants für die bevorstehende Fußball-Europameisterschaft 2012 wird Charkiw derzeit wesentlich schneller beglückt, als mit der Errichtung von Kantinen und Armenküchen, in denen mittellose alte Menschen umsonst essen können.   

 

Spenden kann man unter dem Stichwort „Hilfe für Charkiw“ auf das Konto der

AWO-Behringersdorf-Schwaig Kto. Nr. 240 251 785, BLT 760 501 01