"Jede Hilfe schafft Hoffnung"

Fritz Körber war mit drei Freunden von den Naturfreunden Lauf wieder in Charkiw

15. Februar 1992, eine vereiste und schneeverwehte Landstraße in der Ukraine, 28 Grad Minus, Fritz Körber elendiglich frierend am Steuer eines Lastwagens in einem AWO-Hilfskonvoi aus Nürnberg. „Da fahr ich nie mehr hin“, war in diesem Augenblick seine Empfindung, aber es kam anders. 27 Jahre später erinnert er sich noch immer genau an diesen Tag, weil das der Anfang einer beispiellosen Hilfsaktion war, die ihm bis heute eine Herzensangelegenheit ist.

 

Erst dieser Tage ist der agile AWO-Vorsitzende und Altbürgermeister von Schwaig-Behringersdorf wieder zurück aus Charkiw, wo er zusammen mit seinen Freunden Kurt Bauer, Roland Seitz und Edgar Völkel von den Naturfreunden Lauf vor Ort war, um erneut Hilfe zu überbringen, sich über laufende Projekte zu informieren sowie viele Freunde und Menschen zu treffen, denen er schon geholfen hat und die nach wie vor der Hilfe bedürfen.

 

"Behinderte, Tschernobyl-Opfer und alte sind am Rand"

Der Besuch hat Parallelen in der Geschichte der Arbeiterwohlfahrt, die in diesem Jahr 100. Geburtstag feiert und die 1919 mit sogenannten Armenküchen in Berlin notleidenden Menschen geholfen hat. 100 Jahre später gibt es zwei diese Armenküchen immer noch – in Charkiw - initiiert von Fritz Körber, der auch dafür sorgt, dass der Betrieb läuft, um dort den Menschen, die sich in einer Notsituation befinden wenigstens mit einer Mahlzeit täglich zu helfen. Zumindest in einer der Armenküchen. In der anderen werden wöchentlich Pakete mit Grundnahrungsmitteln ausgegeben. Eine neu eröffnete Sozialstation würde dies ebenfalls gerne tun und hat den Wunsch an Fritz Körber herangetragen.


Seit die Oligarchen am Ruder sind ist die Schwere zwischen Arm und Reich noch weiter auseinander gegangen. Alte Menschen, Behinderte und Tschernobyl-Opfer werden immer mehr an den Rand gedrängt und sind ohne jegliche Hoffnung. In den 27 Jahren, in denen Körber nun nach Charkiw kommt, hat sich das Bild der Stadt dramatisch verändert. Kaufen kann man zwischenzeitlich alles, vorausgesetzt man hat genügend Geld aber das haben viele Menschen eben nicht.

 

Körber weiß wie groß die Not ist, weil er sie mit seinen Freunden während des Aufenthalts tagtäglich mit eigenen Augen gesehen hat und den direkten Kontakt mit denen hatte, die der Hilfe dringend bedürfen. Als Einzelkämpfer allein könnte er das nicht stemmen und so ist er froh, dass er nach wie vor auf seine drei Freunde von den Naturfreunden Lauf zählen kann. „Sie waren schon bei der ersten Hilfsaktion mit dabei und engagieren sich bis heute.“ So wie er auf sie zählen kann gibt es viele Unterstützer, die mit dazu beitragen, dass zumindest dort geholfen werden kann, wo die Not am größten ist. „Dass wir in diesen 27 Jahren vielen helfen konnten ist der Mitwirkung vieler zu verdanken.“

 

"Gospodin Fritz" mit einer Familie, deren zwei Kinder behindert sind. Auch hier hat man helfen können.

 

"Zittriger Händedruck mehr Wert als alles andere"

Zwar stellt er sein eigenes Engagement gerne in den Hintergrund, aber Fakt ist, dass ohne seinen unermüdlichen persönlichen Einsatz dies kaum möglich wäre. „Wir versuchen eben wie vor 100 Jahren mit unserem Tun die ärgste Not zu lindern“, resümiert Körber und lässt keinen Zweifel aufkommen, „dass sich diese Arbeit lohnt.“ Keine Frage, dass es in dieser Richtung weitergehen muss, „denn jede Hilfe schafft Hoffnung.“

 

Der inzwischen fast 80-Jährige vergleicht sein Leben mit einer Etappenfahrt „und dabei ist Charkiw ein Riesenkapitel. Und ich bin dankbar, dass ich das erleben und helfen durfte.“ Das habe zwar viel Zeit und Geld gekostet, „aber ich bin reich beschenkt worden.“ Ihm bedeute der zittrige Händedruck einer alten Frau, der er mit ein paar Euro geholfen habe, mehr als alles andere.

 

„Dankbarkeit und Zuneigung ist etwas was man sich mit Geld nicht kaufen kann, das muss man geschenkt bekommen. Und das hat mir immer sehr viel bedeutet.“ Die Dankbriefe, die er in all den Jahren erhalten hat legen ein beredtes Zeugnis dafür ab.

 

Die Schicksale der Menschen berühren ihn nach wie vor, wie aktuell das einer krebskranken Frau, die - vom Tod gezeichnet - mit ihren fünf Kindern in einem Gebäude, das jeder Beschreibung spottet, ihr Leben fristet. Selbst Tiere wären bei uns besser untergebracht. „Das nimmt mich mit, wenn ich solche Not sehe“, erzählt Körber. Was wird wohl aus den fünf Kindern, wenn die Mutter stirbt? Er hat wenigstens die Mietschulden bezahlt, mehr konnte er nicht tun.

 

Auch sonst haben er und seine Begleiter in sozialen Einrichtungen und bei Familienbesuchen viel Elend und Not gesehen. Man half mit Geld wo man konnte und erfuhr dafür viel Dankbarkeit. Da waren zum Beispiel 150 sozial schwache Familien, von denen sich jede über ein Geldgeschenk von 30 Euro freuen konnte. Das örtliche Fernsehen berichtete und sorgte dafür, dass sich schnell herumsprach, dass „Gospodin Fritz“ – wie er liebevoll genannt wird - wieder da war.

 

Das Programm, zusammengestellt vom Departement für internationale Zusammenarbeit des Rates der Stadt Charkiw war zwar sehr umfangreich, aber auch erfolgreich. „Wir haben erreicht was wir erreichen wollten“, resümiert Körber, dem es ein großes Anliegen ist all denen zu danken, die ihn in all den Jahren unterstützt haben und die es auch in Zukunft tun werden. „Wir müssen weiter machen, weil jede Hilfe Hoffnung schafft“, hat sich Fritz Körber fest vorgenommen.

 

von Lorenz Märtl

erschienen in der Heimatzeitung "Der Bote"

Ein Wechselbad der Gefühle

Charkiw ein Vierteljahrhundert nach der Unabhängigkeit der Ukraine – Die Kluft zwischen Stadt und Land wächst - Fritz Körber war Redner bei den Feierlichkeiten zum Kriegsende im ukrainischen Dorf Rakitnoje

Seit einem Vierteljahrhundert ist der frühere Schwaiger Bürgermeister und Bezirkstags-Vizepräsident a.D. Fritz Körber in humanitärer Mission für die Arbeiterwohlfahrt in Charkiw unterwegs. Die 1,5 Millionen Einwohnerstadt liegt im Osten der Ukraine. Das Land befindet sich derzeit in einer entscheidenden Phase, es ist durch die völkerrechtswidrige Besetzung der Krim durch Russland und den anschließenden Krieg destabilisiert. Körber beschreibt einen zunehmenden Kontrast zwischen der verbreiteten Armut und neuem Reichtum, zwischen Provinz und Metropole. Mit ihm unterwegs waren erneut die langjährigen Mitstreiter Kurt Bauer, Edgar Völkel und Roland Seitz von den Naturfreunden Lauf sowie der Unternehmer Dr. Hannes Zapf in seiner Eigenschaft als Präsident des Rotary-Clubs Nürnberg-Kaiserburg.

 

Unser Flug bringt uns von München über Warschau nach Charkiw. Von der Landung auf dem fast neuen Flughafen bekomme ich kaum etwas mit. Zu oft bin ich in den letzten Jahren hier schon gelandet, als dass ich mir vorgenommen hätte, sie aufmerksam zu verfolgen. Es geht uns allen gleich: Etwas ungläubig nehmen wir zur Kenntnis, dass wir wieder in Charkiw sind. Bei der Sicherheits-kontrolle wird Kurt Bauer gestoppt. Er hat eine größere Menge Medikamente für das Krankenhaus Nr. 16 im Koffer. „Medikamente für an Krebs erkranke Kinder“ gibt er als Erklärung ab. Kurze Überprüfung und korrekte Passkontrolle durch Zollbeamte, die nach russischem Vorbild riesige Dienstmützen tragen. Iwan Nemitschew und Yvonne Brinzjuk, unsere beiden Dolmetscher und Kraftfahrer Jurij Tschaplygin bilden das Empfangskomitee. Auf der Fahrt vom Flughafen ins Stadtzentrum nehme ich mit einer gewissen Verwunderung all die neuen Bauten zur Kenntnis.

 

Iwan hat alles gut vorbereitet. Selbst am Sonntag hat das Geschäft für Rehabilitationsmittel für uns geöffnet. Der schwerbehinderte Vatscheslav Petuchow erwartet uns bereits. Seit Jahren bittet er mich über die Stadtverwaltung um materielle Hilfe für die teuere ärztliche Behandlung und den Kauf von lebenswichtigen Medikamenten. Außerdem benötigt er ein Rehabilitationsgerät und eine multifunktionale Matratze. Dr. Hannes Zapf kauft den seit einem Jahr versprochenen Rollstuhl für die Klinik Nr. 26. Und weiter geht die Fahrt. Vor dem Prokowsky-Kloster steht das wuchtige Denkmal für den Frieden, das merkwürdigerweise einen T-34 Panzer und andere Kriegsgerätschaften aus dem 1. und 2. Weltkrieg im weiteren Ensemble hat.

 

Dr. Hannes Zapf und ich wohnen im Hotel, meine drei Naturfreunde Kurt Bauer, Edgar Völkel und Roland Seitz wohnen privat.  Zwischenzeitlich ist es vier Uhr Nachmittags. Bei einer Tasse Kaffee besprechen wir mit Iwan das umfangreiche Programm der kommenden Tage.

 

Die Menschen kommen ins Hotel

Der Montag beginnt mit einer Art Audienz. Yvonne ist gekommen um zu übersetzen und Awdüschew Schamiljewitsch steht schon kurz nach acht Uhr vor der Türe. Ich kenne ihn seit Jahren. Alle vier Familienmitglieder sind krank, haben zum Teil offene Tbc. Ich übergebe 150 Euro für Medikamente. Wir erleben einen Tag der Offenen Türe. Einer gibt dem anderen die Klinke in die Hand. Frau Syrkina, die die Gesellschaft behinderter Kinder im Ordshonikidzevskij-Rayon vertritt, bedankt sich für die alljährlich gewährte Unterstützung, wie auch Frau Babaij die Mutter von 9 Kindern. Und ich stelle mir die Frage, wie kann man diesen Menschen helfen? Diese Armen sind der neuen Machtelite eher lästig und peinlich. Was also tun für die Vergessenen und Hilflosen in einer eineinhalb Millionenstadt mit über 100 000 Flüchtlingen?

 

Pünktlich um 9.00 Uhr werden wir am Hotel abgeholt. Beim Gang ins Blindengymnasium „Korolenko“ stelle ich immer wieder fest, dass es in der Ukraine nicht nur arme Menschen geben muss. Da sind Autos zu sehen, die 60.000 Euro und mehr kosten. All die Porsche- und Mercedesfahrer müssen ihr Geld wohl anders verdienen, und es gibt natürlich Gewinner und Verlierer. Direktor Bilous wartet schon am Eingang. Die Blaskapelle der Blinden, begrüßt uns mit einer Willkommensfanfare und der Kinderchor und die Tanz- und Theatergruppe bieten uns ein beeindruckendes fast zweistündiges Programm. Im Anschluss werden wir zu Tisch gebeten. Es gibt  Borschtsch  und auch der Wodka fließt nach den üblichen Tischreden reichlich. Der Direktor setzt einige Male zu seiner Tischrede an, hält inne und spricht dann:  „Ohne die alljährliche finanzielle Unterstützung der AWO wäre jedenfalls vieles für die Kinder nicht möglich“. Dr. Hannes Zapf übergibt eine Spende für die Musikschule und die Freizeit von zwei blinden Waisenkindern. Ich dränge zum Aufbruch.

 

Der Nachmittag bringt uns ins Krankenhaus Nr. 16, eine Station der Hilfe, wo die Ärztin Ludmilla Marenitsch an Leukämie erkrankte Kinder betreut. Es schmerzt diese Not täglich zu sehen, diese schreckliche Armut, diese Hoffnungslosigkeit die bedrückt. Doch es sollte noch schlimmer kommen.

 

Die Chefärztin Frau Tatjana Chartschenko stellt uns fünf Frauen mit ihren an Leukämie erkrankten Kindern vor. Die Krankengeschichten der Kinder sind alles andere als hoffnungsfroh. Dr. Hannes Zapf sagt die Finanzierung eines modernen Blutanalysegerätes zu und übergibt eine größere Menge mitgebrachter Infusionsdosierschläuche. Kurt Bauer überreicht das große mitgebrachte Medikamen-tenpaket der Naturfreunde Lauf an die Klinikleitung und dankbar nimmt man unsere Spenden für die Behandlung an Blutkrebs erkrankter Kinder entgegen.

 

Keine Zeit zum Nachdenken

Wir sind wieder einmal in Zeitnot. Verspätet kommen wir bei der Rollstuhlfahrer-Organisation „Spodivanja“ an. In den Plattenbauten muss man sich allerdings darauf einstellen, dass Hauseingänge, Treppen, Briefkästen, Lifts und Sanitäreinrichtungen manchmal weit von unseren westeuropäischen Standards entfernt sind. So auch hier. Seit 25 Jahren kenne ich die Organisation und aufgeregt erzählt die selbst gehbehinderte alte Dame uns von ihren Schwierigkeiten, von der mangelnden Unterstützung seitens der Behörden, von ihrem Glauben, in dem sie tief verwurzelt ist. Dankbar erinnert sie sich an unsere seit Jahren gegebenen Geldmittel der AWO. Hannes Zapf gibt auch hier eine Spende und wünscht mir und meiner kleinen Delegation beim Abschied Gottes Segen.

 

Der Tag war lang und anstrengend. Versuche meine Gedanken zu ordnen. Vor dem zerstörten Lenin-Denkmal arbeitet eine Kolonne und setzt den von einem Motor angetriebenen Bohrer an. Ein unangenehmes Geräusch und während ich daneben stehe geht mir so manches durch den Kopf.Was einst in idealistischer Verklärung der Anspruch des sozialistischen Staates war – die Solidarität der Gemeinschaft mit den Schwachen – ist inzwischen radikal aus der Mode gekommen. Die Armen sind der neuen Machtelite eher lästig und peinlich. Was also tun für die Vergessenen und Hilflosen in einer eineinhalb Millionenstadt mit den vielen Flüchtlingen?

 

Dr. Hannes Zapf als Rotarier unterwegs

Auch dieses Mal habe er viele schöne, interessante und bereichernde Eindrücke mitnehmen können, sagt Dr.Hannes Zapf. Froh und stolz sei er, als Präsident der Rotarier Nürnberg-Kaiserburg, dass die Zusagen, die wir beim letzten Besuch im September 2015 gegeben haben, nun auch einzulösen. Die Förderung von Jugendarbeit und Berufsausbildung sei für ihn ein besonderes Anliegen, wie auch die Unterstützung von Medizinern, damit diese mit modernen Geräten noch besser ihren Dienst für andere, die ihre Hilfe benötigen, leisten können.

 

Beklommenheit war unbegründet

Wir schreiben den 9. Mai Tag des vaterländischen Krieges in der Ukraine. Wir sind eingeladen zu den Gedenkfeierlichkeiten zum 72. Jahrestag des Kriegsendes in das 30 Kilometer südlich von Charkiw gelegene Rakitnoje. Auf dem Weg dorthin kurzer Aufenthalt in Merefa. Wir besuchen das blinde Mädchen Tanja Blinowa das mir vor Jahren für die Bezahlung ihrer Operation einen Engel strickte. Tränen der Freude bei der Ankunft – wir übergeben der Mutter eine Spende der AWO – Tränen der Dankbarkeit bei der Abreise.

 

Bei unserer Ankunft in Rakitnoje großer Bahnhof auf dem Marktplatz vor Schule und Kirche. Die Schulkinder warten schon; eine heikle Mission für mich – ich bin als Redner angekündigt. Ich habe schon 1995 diesen „Siegestag“ hier miterlebt und es ist bewegend, wenn die gebrechlichen alten Menschen die den Krieg noch selbst erlebt haben, sich für diesen Tag herausputzen und wenn sie die blank polierten Orden und Gedenkmedaillen auf die oft schäbigen Jacken heften. Zuerst sprechen der Bürgermeister und der Geistliche. Ein paar Schritte weiter überreicht ein noch junges Mädchen einem Veteran mit einer schlichten Geste eine Nelke. Dem alten Mann füllen sich die Augen mit Tränen und mir fällt es nicht leicht, mich der Emotionalität dieser Szene zu entziehen.

 

Mit Beklommenheit trete ich ans Mikrophon. Wie werden die Menschen auf meine Worte reagieren? Das ganze Dorf ist zu der Zeremonie zusammengekommen, und viele der Augenpaare, die mich musterten, hatten schon als Kinder Deutsche in ihr Dorf kommen sehen, allerdings keineswegs in freundschaftlicher Absicht. Wie sich herausstellte, waren die Bedenken vor meiner Rede grundlos. In den 20 Minuten meines Vortrags erinnerte ich u.a., „ dass wir mit der stummen Armee unserer Kriegstoten über den Tod hinaus verbunden sind. Mit erschreckender Brutalität führen uns die Ereignisse im Donbass vor Augen, wie zerbrechlich Friede sein kann, wenn Hass das Handeln bestimmt. Der Jahrestag des Kriegsendes sollte uns alle daher verpflichten auf das kostbare Gut der Freiheit und unsere Verantwortung für den Frieden in der Welt. Nur wenn wir so denken und handeln, folgen wir dem stummen Ruf der Toten, zu deren Ehren wir uns versammelt haben“.  Die Menschen nahmen meine Worte mit Beifall auf, viele schüttelten mir die Hand und bedankten sich. Der Wille zur Freundschaft und das Vertrauen in eine friedliche Zukunft waren stärker als alte Ressentiments.

 

Die wirklichen Unterschiede werden erst auf dem Land sichtbar

Aber auch diesmal sind wir nicht mit leeren Händen gekommen. Beim anschließenden geselligen Beisammensein im Volkshaus übergebe ich eine Spende der AWO für die Operation von Frau Ludmila Gnidenko, eine Mutter von vier Kindern. Dr. Hannes Zapf „unser Rotarier“ gibt eine Spende für die Landmaschinenschule. Viele Menschen suchen das Gespräch.. Rakitnoje ist uns auch in all den Jahren ein Stück Heimat geworden. Unsere Gastgeber geht es vor allem darum uns etwas Gutes zu tun. Das drückt sich dann auch im Toasten aus, ohne die keine ukrainische Geselligkeit denkbar ist. Am späten Nachmittag besuchen wir den frühren Bürgermeister Konstantin Gorban in seinem kleinen Haus. Wir sprechen eine Einladung aus, geben eine Spende und ich verspreche mit meinen  Freunden wieder zu kommen; die Trennung fällt schwer, als wir zurück in die Stadt fahren.

 

Doch wir sind wieder einmal in Terminnot. Dr. Hannes Zapf hat ein Treffen mit den örtlichen Rotariern und den beiden Professoren der Poliklinik für Unfallchirurgie vereinbart. Für das Jugendprojekt des Rotary-Clubs Charkiw „Multinational“, die ca. 20 Halbwaisen und Waisenkinder aus dem Kriegsgebiet eine Freizeit ermöglichen – sagt er seine Unterstützung zu. Aber auch die beiden Professoren aus der Unfallchirurgie erhalten eine größere Spende für den Kauf von  notwendigen Operationsinstrumenten. Die junge Journalistin Galina Kuschnur ist überraschend gekommen; sie bedankt sich für die Finanzierung der Nieren-Operation ihrer kleinen Tochter Christina. Ich erhalte als Geschenk eine CD der Kinderurologie und gebe anschließend ein Interview über unsere bisher geleistete Arbeit in Charkiw.

 

Interview im Fernsehen 

Heute ist Mittwoch mein vorletzter Tag. Pünktlich werden wir um 9.00 Uhr im Hotel abgeholt. Es ist ein nicht ganz normaler Morgen. Wir hören Marschmusik und der Verkehr auf den Straßen um unser Hotel ist zum Stehen gekommen. Von der Rathausfassade hängt neben der Fahne der Ukraine eine übergroße Europafahne. Charkiw bereitet sich mit einer Generalprobe auf den Europa-Tag vor. Nach der ukrainischen Nationalhymne höre ich erstmals in der Ukraine die Europahymne und anschließend marschieren verschiedene Truppenteile im besten preußischem Stechschritt bei Marschmusik über den großen Platz.

 

Aufschlussreich ist für uns der Termin bei der Stadtverwaltung, wo wir von der stellvertretenden Oberbürgermeisterin Frau Gorbunowa-Ruban begrüßt werden. Im Beisein des ukrainischen Fernsehens verweist sie in ihrer Rede auf die starken Bande der Freundschaft zwischen der Arbeiterwohlfahrt, der Gemeinde Schwaig, den Naturfreunden aus Lauf und der Bürgerschaft ihrer Stadt. Ihr Dank galt noch einmal allen Teilnehmern und ausdrücklich den vielen Helfern, die in Deutschland sich finanziell und tatkräftig über 25 Jahre an der humanitären Hilfe beteiligt haben. Geschickt eingefügt, bittet sie mit ihren Dankesworten Dr. Hannes Zapf als Präsident der Nürnberger Rotary-Clubs erneut um finanzielle Hilfe im Gesundheitsbereich. Kurz vor der Verabschiedung gebe ich den beiden Reportern des Fernsehens ein Interview und beantworte ihre Fragen.

 

Keine Zeit zum Nachdenken

Eine vertrauenswürdige Anlaufstelle der Schwaiger AWO für die Hilfsmaßnahmen ist das Sozial-zentrum des „Moskowskij-Rayons“. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass von hier aus alle Spenden tatsächlich bei den Hilfebedürftigen ankommen. Fast 2000 Lebensmittel-Pakete wurden in den letzten Monaten an Flüchtlinge aus dem ukrainischen Kriegsgebiet, an alte Menschen, Kranke und Behinderte verteilt, die auf die Unterstützung der AWO angewiesen sind, weil die ohnehin kümmerlichen Rentenzahlungen nicht ausreichen. Nach dem Mittagessen und den üblichen Tischreden brechen wir zum nächsten Besuch ins städtische Zentrum für Frührehabilitation für geistig behinderte Kinder „Promin“ auf. Frau Direktorin Natalia Tschaplygina erwartet uns bereits. Sie habe eine neue Geschirrspülmaschine gekauft, erzählt sie uns gestenreich, jedoch fehle das Geld um den Anschluss zu bezahlen. Wir helfen auch hier und geben eine Spende. 

 

Aus der Aktualität heraus schieben wir einen weiteren Termin ein. Wir besuchen eine KH-Abteilung  für so genannte„Findelkinder“. Das Krankenhaus und die Stadtverwaltung stehen dem Elend ziemlich hilflos gegenüber. Wir werden mit Bitten und Wünschen konfrontiert. Auch hier sagen wir unsere Unterstützung zu. Doch nach alledem gehört der Abend uns. Wir sitzen zusammen und beraten das Programm für den nächsten Tag.

 

Hilfen für Menschen in bitterer Not

Es ist ein sonniger Morgen und mein letzter Tag in Charkiw. Und wieder drängt die Zeit. Abfahrt ins Kulturhaus der Miliz. Wir fahren zur Verteilung der humanitären Hilfe an 150 bedürftige Familien. Wir werden mit Beifall erwartet. 30 Euro enthält jedes Kuvert eine halbe Monatsrente. Die Bedürftigen wurden vom Sozialamt ausgewählt. Kurt Bauer, Edgar Völkel und Roland Seitz verteilen nach Aufruf das Geld. Mit bewegten Worten bedanken sich einige. Sie erzählen und fragen, sie sprechen Bitten aus, wir hören zu. Doch kaum hat jeder sein Kuvert, schart sich eine ständig wachsende Gruppe von Frauen und Männern um uns und machen aus ihrem Unmut meist gegenüber der ukrainischen Politikern kein Hehl. „Es gibt nichts Demütigenderes als betteln zu müssen“ übersetzt mir Yvonne die Worte eines Familienvaters der sich nur mühsam mit Krücken fortbewegen kann.

 

Mein letzter Termin: Begeisterung in der Armenküche „Skripka“

Mit großer Begeisterung werden wir gegen Mittag in der Armenküche „Skripka“ empfangen, wo seit Jahren die AWO an Werktagen täglich 35 Mittagessen an alte Menschen, Kranke und Minderbemittelte zur Verfügung stellt. Ich gehe durch die Tischreihen und werde von mehreren Frauen angesprochen. „Was soll ich denn machen“, sagt eine alte Frau, „meine Rente reicht einfach nicht aus“. Im Mund hat sie nur ein paar Zähne übrig, ihr Gesicht ist von Furchen und Falten gezeichnet. Nein, ein leichtes Leben kann sie nicht gehabt haben. Diese Alten gehören wirklich zu einer  „verlorenen“ Generation.

 

Ich nehme Abschied

Auf dem Weg zum Flughafen gehen mir die vier Tage Charkiw noch einmal durch den Kopf. Es gehört wohl zu den erstaunlichsten Erfahrungen, die ich in den 26 Jahren in der Ukraine gemacht habe, dass ich als Deutscher persönlich nie auf Hass oder Feindschaft gestoßen bin, denn in nahezu jeder Familie wurden Angehörige Opfer des deutschen Überfalls“. Es ist klar, dass so ein Land nicht von heute auf morgen zu sich kommen und sich von all dem,  was es in den vergangenen Jahrzehnten durchgemacht hat, erholen kann. Doch trotz aller Hoffnungslosigkeit – die Ukraine ist dabei sich von Jahren staatlicher Lügen und Qualen zu befreien, das spürt man. Wir haben in nur wenigen Tagen so unendlich viel erlebt: So viele Begegnungen mit so unterschiedlichen Menschen und Schicksalen. Die Bürger dieser Stadt haben uns reich beschenkt und haben uns zugleich gelehrt, in welchem Zustand die Stadt wirklich ist. Von seiner Anziehung hat Charkiw für mich und meinen Mitstreitern durch diese Reise nichts verloren. Es sind und waren immer die einfachen Bürger dieses Landes, die uns angezogen haben und die auch weiterhin unsere Hilfe brauchen. Das hat sich nicht verändert. Ihre Offenheit und Gastfreundschaft, ihre Leidensfähigkeit mit der sie ihren schwierigen Lebensumständen ein kleines oder großes Stück Leben abtrotzen, haben uns schon immer beeindruckt. Warum auch sonst hätten ich und meine Freunde in den 26 Jahren viele Tage und Wochen hier verbringen sollen?

Betten auf dem Weg nach Charkiw

Ein Sattelzug mit Hilfsgütern für zwei Krankenhäuser startet am Wochenende wieder in Richtung Ukraine.  Damit setzt die AWO-Behringersdorf-Schwaig ihre Hilfe für die Not leidende Bevölkerung in der ukrainischen Stadt Charkiw fort. Gemeinsam mit ehrenamt-lichen Helfern der AWO, der Naturfreunde Lauf und Mitarbeitern der Firma Günther GmbH belädt Schwaigs Altbürgermeister Fritz Körber den LKW für zwei Krankenhäuser in Charkiw: 36 Krankenhaus-betten, 39 Nachttische, 36 neue Matratzen und medizinische Hilfsmittel. 

 

Im Februar 1992 fuhr der erste Hilfstransport des AWO-Ortsvereins in die Ukraine. Seitdem werden jedes Jahr Krankenhäuser und andere soziale Einrichtungen in Charkiw unterstützt. Über 2500 Krankenhausbetten wurden in dieser Zeit in Nürnbergs Partnerstadt transportiert. Die Betten waren in AWO-Einrichtungen und Krankenhäusern Mittelfrankens  durch modernere, elektrische ersetzt worden und hätten mit viel Aufwand entsorgt werden müssen. Körber, der die Verhältnisse in Charkiw durch seine zahlreichen Besuche kennt, weiß nur zu gut, dass dort Krankenhausbetten in sehr gutem Zustand noch sehr willkommen und begehrt sind.

 

Der Sattelzug der in diesen Tagen nach Charkiw rollt, ist bereits der dritte in den letzten beiden Monaten.  Von den Betten des AWO-Kreisverbandes aus dem AWO-Seniorenheim in Mimberg werden das Krankenhaus Nr. 25 und das Psychoneurologische Internat in Charkiw profitieren.

Krankenbetten für Charkiw

Krankenbetten werden dringend gebraucht - Hilfe ist auf dem Weg

Es ist wieder soweit, die Räder rollen wieder. 26 Krankenbetten, 27 neue Matratzen, Nachttische und Bettwäsche wurden am Bauhof der Gemeinde Schwaig für ein Lazarett in Charkiw in der Ukraine verladen. Aus einem Schreiben der vor zwei Monaten gegründeten gemeinnützigen Stiftung „Frieden und Ordnung“ in Charkiw an Fritz Körber geht hervor, dass die Lebenssituation in der Ukraine unverändert ernst ist und auf die Hilfsbereitschaft der AWO-Behringersdorf-Schwaig noch längst nicht verzichtet werden kann. Vor allem werden Funktionsbetten für ein Lazarett dringend gebraucht, um Unfallopfer und vor allem Verwundete mit Schussverletzungen aus dem Krisengebiet entsprechend versorgen zu können. Die Folgen der Gewalt spürt Charkiw, das an die zwei Kriegsgebiete grenzt, bereits seit Monaten. Ab Mai 2014 sind über 75.000 Flüchtlinge aus Donezk und Slawjansk nach Charkiw gekommen. Darunter sind aktuell allein 15.000 Personen die medizinische Leistungen in Anspruch genommen und rund 170 Frauen, die in den Entbindungsstationen der Kliniken in Charkiw versorgt werden müssen. Entmutigen lässt sich Körber übrigens auch von den schlechten Nachrichten nicht, die im Augenblick fast täglich aus der Ukraine kommen: Unabhängig von der Großwetterlage wird er mit seinen Transporten weitermachen.    

Flüchtlinge suchen in Charkiw Schutz

In Nürnbergs Partnerstadt suchen 75000 Flüchtlinge Schutz vor Gewalt

Von blutigen Kämpfen zwischen Separatisten und der Staatsmacht blieb Nürnbergs ukrainische Partnerstadt bisher verschont. Massiv betroffen ist sie allerdings von den Auswirkungen der Auseinandersetzungen in der Ostukraine. Rund 75000 Flüchtlinge haben seit Beginn der Kampfhandlungen in Donezk und Luhansk in Charkiw Schutz vor Gewalt und Not gesucht. Zirka 15000 von ihnen benötigten medizinische Behandlung, unter ihnen sind 737 Schwangere und Wöchnerinnen, berichtet Fritz Körber, wenige Tage nach seiner Rückkehr aus Charkiw. Schon immer hat Körber bei seinen Besuchen bedürftige Familien mit jeweils 30 bis 50 Euro ausgeholfen. Bei seinem jüngsten Besuch nun profitierten die jungen Frauen, die schwanger oder kurz nach der Entbindung aus der Ostukraine geflohen sind. 150 Wöchnerinnen erhielten daher aus seiner Hand jeweils 30 Euro; angesichts der enormen Geldentwertung in der Ukraine ein beachtlicher Zuschuss. Während Körber die Kuverts an die jungen Mütter verteilte, tauchte plötzlich eine kleine Delegation mit Urkunde und Orden auf. Der Vorsitzende des internationalen Kongresses zum Schutz der Menschenrechte und der Freiheit verlieh ihm die Urkunde für seine jahrelange Unterstützung der medizinischen und sozialen Einrichtungen der Stadt Charkiw.